König Christian I. von Dänemark
Ein Oldenburger wurde Stammvater des heute „dienstältesten“ Herrscherhauses
Dänemark war im Jahre 1448 ein bedeutendes Imperium. Es reichte vom Nordkap bis zur Elbe. Schweden, Norwegen, Finnland und Island gehörten damals zur dänischen Krone, wie auch die deutschsprachigen Landesteile Schleswig und Holstein. Anfang Dezember des Jahres 1447 verletzte sich König Christopher III. bei einem schnellen Ritt durch den Wald um Helsingborg, beachtete die Wunde nicht und starb qualvoll am Wundstarrkrampf in den Morgenstunden des 6. Januar 1448.
Der König, seit 1445 mit der 18jährigen Dorothera von Brandenburg verheiratet, war gerade 32 Jahre alt. In diesem Jahr sollte die Ehe nun auch säkularisiert, d.h. weltlich vollzogen, werden. Gemeinsames Beilager war noch nicht gehalten. Der preußisch-strenge Heiratsvertrag hatte genau festgelegt, wann der König sich zum ersten Male der jungfräulichen Königin nähern, ihr „beiwohnen“ und für Thronfolger sorgen durfte. Kurz bevor es soweit war, starb der Unglückliche, und – wie seit über 100 Jahren – wieder gab es keinen leiblichen Königserben als Nachfolger.
Ein König aber mußte gefunden werden. Das Interessengerangel der großgrundbesitzenden Adelsfamilien um Inseln, Land, Lehen, Seelen (Leibeigene), Bischofsstühle und Ämter verlangte nach einem Außenstehenden aus fürstlichem oder zumindest gräflichen Hause, der als arbiter mundi (Schiedsrichter) zwischen den ewig streitenden Parteien stand. Die Wahl fiel schließlich auf einen Deutschen, den jungen Grafen Christian von Oldenburg, der das schmale väterliche Erbe mit zwei Brüdern teilen mußte. „Nie habe ich einen glücklicheren jungen Mann gesehen, wie diesen kleinen Grafen, der plötzlich König werden sollte“, schrieb ein Zeitgenosse damals. Anfang August 1448 stand der 22jährige Thronanwärter dem Reichsrat in Kopenhagen Rede und Antwort. Im Hintergrund, an einem beigestellten Tischchen, saß, das schmale Gesicht eingerahmt von einem schwarzen Schleier, die 18jährige Königin-Witwe und hörte dem Rededuell zu. Emsig notierte neben ihr der brandenburgische Gesandte die endlosen Dialoge. Etwas zu schnell, so schien ihr, verzichtete Christian auf manches Recht; so auf ein mütterliches Erbteil in Holstein; oder er beschwor irgendeine uralte constitutio valdemarina getreulich einzuhalten, die er gar nicht kannte. Eine kleine steile Falte bildete sich auf der Stirn der jungen Königin, als der Thronanwärter die Regierungsgewalt bedingungslos dem Reichsrat zuerkannte. Der Kreis der ebenso alten wie mächtigen Männer nickte zufrieden ob dieser Breitwilligkeit und kam zum letzten Teil.
Ein alter Adelsmann, schwerfällig von der Gicht, erhob sich. Ob er, Christian Graf von Oldenburg und vielleicht bald Christian I., König von Dänemark, Schweden, Norwegen usw., auch bereit sei, zur Entlastung der Staatskasse die Witwe seines unglücklichen Vorgängers zu übernehmen?
Sie sei aus reichsverwandtem Hause, im Stande der innocentiæ (Unschuld), liebwert und dem Volke genehm. Christian wandte sein Gesicht langsam der jungen Königin zu, die jetzt den Schleier ein wenig lüftete und ihm ein ernsthaftes, aber gleichzeitig ermunterndes Kopfnicken schenkte. Plötzlich huschte ein fast heiteres Lächeln über die beiden jungen Gesichter, und es schien, als bräche die Sonne für einen Moment durch die Bleikristallfenster in das diffuse Licht des Refektoriums.
So wurde Christian I. am 28. Oktober des Jahres 1449 im Schloß zu Kopenhagen gekrönt und heiratete am gleichen Tage die kleine verwitwete „Preußin“ auf Dänemarks Thron, der von diesem Tage an genug Christians und Friedrichs in abwechselnder Reihenfolge haben sollte. Als Höhepunkt der achttägigen Festlichkeit fand am Gammeltorv ein prunkvolles Reiterturnier statt.
Die erste Liebe stand noch in hellem Flor, als Dorothea schon bald die unheilvolle Schwäche des schönen Christian erkannte. Er konnte einfach nicht nein sagen; und hatte er einmal ja gesagt, so hatte er auch schon sein königliches Wort verpfändet. Es gab Schulden über Schulden. 1460 zahlte Christian seine beiden Brüder Gerhard und Moritz mit der ungeheuren Summe von 123 000 Gulden aus. Bürgschaft leisteten hierbei seine Untertanen vom holsteinischen Adel, deren Wirtschaftskraft Christian hoffnungslos unterschätzte. Sie deckten ihre Bürgschaftsverpflichtungen schnell ab und wurden dadurch zu Gläubigern ihres eigenen Königs. Dorothea reiste im Lande umher, beschwichtigte hier und da, verkaufte Schmuck, Güter und ganze Städte. 1469 verpfändete sie die Stadt Kiel mit allen Einkünften und Besitzungen an Lübeck.
Grotesk wurde es, als Margarete, die einzige Tochter, heiratete und sich kein Geld für die Mitgift auftreiben ließ. Prinzessin Margarete war König James von Schottland versprochen und sollte nach ausgehandeltem Vertrag 60 000 Gulden als Mitgift bekommen. Wieder einmal hatte Christian diese enorme Summe ohne Deckung akzeptiert. Not machte erfinderisch, und so gab man bis zur Zahlung die Orkney – und Shetland – Inseln zum Pfand (dieses Pfand ist bis heute nicht eingelöst!)
1474 unternahm das Königspaar begleite von großem Gefolge, eine Reise zum Papst nach Rom. Papst Sixtus empfing das Herrscherpaar aus dem Norden recht freundlich; er räumte Christian das Recht ein, sechzehn hohe Kirchenämter im Norden neu zu errichten und deren Einnahmen zur Hälfte zu behalten. Dorothea erwirkte vom Papst die Genehmigung, eine Universität mit den klassischen Fakultäten Theologie, Jura, Philosophie und Medizin in Kopenhagen zu gründen.
Der König war zu dieser Zeit 48 Jahre alt und eine stattliche Erscheinung. „Ein schönes Tier. Schade, daß es stumm ist“, schrieb Kardinal Colleoni, der ihn in Rom als Gastgeber betreute und sich mit ihm nicht unterhalten konnte, da Christian keine romanische Sprache beherrschte.
Die Rückreise wurde zum Fiasko: Das Geld war völlig ausgegangen. Von Hof zu Hof mußte man sich weiterpumpen. Zu allem Übel standen Kaufleute vor jedem Stadttor und präsentierten unbezahlte Rechnungen und Wechsel. Als in Schweden ein Aufruhr ausbrach, kämpfte Christian mit großem persönlichen Einsatz gegen das Heer der Aufrührer und wurde durch einen Lanzenhieb verwundet. Am 21. Mai 1481 starb Christian I. von Dänemark, Norwegen und Schweden im Kopenhagener Schloß. Erst sechs Jahre später, auf den Tag seines Todes, hatte Dorothea den letzten Pfennig seiner Schulden abbezahlt.
Waldemar Krause „Damals“ Heft 6 1975



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