Aptrgangr
2009-01-28, 08:49
Die Wiegen blieben leer
Der demographische Rückgang der Römer und die unkontrollierte Zuwanderung germanischer Völker waren entscheidende Faktoren für den Untergang des Römischen Reiches
Dieser Beitrag erschien in gekürzter Fassung in der Ausgabe 7/8-2001 der Monatszeitschrift Nation&Europa (Nation & Europa - Heimseite (http://www.nationeuropa.de)) :
von Frank Westphal/Martin Lohmann
Die Frage der gelungenen Integration kulturferner Völker ist kein Problem der Neuzeit. Bereits für die Römer der Antike stellte sich dieses Problem als ein grundsätzliches der eigenen Existenzsicherung dar. Das Mißlingen war der Schlüssel zum Untergang des römischen Reiches in Westeuropa. Ohne die gegensätzliche demographische Entwicklung der antiken Völkerschaften Europas ist der Untergang des römischen Reiches nicht zu erklären.
Während zur Zeit des Kaisers Augustus (63 v.Chr.-14 n.Chr.) die römische Armee hauptsächlich aus einer römischen Kerntruppe und „befreundeten“ Hilfstruppen bestand, wandelte sich dieses Bild unter Mark Aurel (121-180 n.Chr.) drastisch. Infolge des vorangegangenen demographischen Abschwungs und einer verheerenden Pestepidemie im 2. nachchristlichen Jahrhundert sanken die Kopfzahlen der italisch-römischen Kernbevölkerung dramatisch ab. Dieser Geburtenrückgang war bereits unter Augustus feststellbar; er konnte auch nicht durch die augusteische Familienförderung langfristig effizient gestoppt werden, die kinderlose Männer und Frauen steuerlich benachteiligte und Familien mit mindestens drei Kindern von der Steuer befreite. Frauen der römischen Oberschicht bekamen mit zunehmender Selbständigkeit weniger Kinder. Kinderlose Witwen und geschiedene Frauen mußten nach kurzer Frist wieder heiraten. Männer im Staatsdienst mit drei Kindern oder mehr wurden schneller befördert. Kinderlosen werden hohe Ämter verwehrt. Diese Gesetze hatten jedoch eine beschränkte Wirksamkeit auf die Fruchtbarkeit und wurden häufig mit Scheinehen unterlaufen. Die liberaler werdenden Ehe- und Scheidungsgesetze waren Ausdruck von Freizügigkeit und Toleranz. Gesellschaftlich angesehener war der Kinderlose, nicht zuletzt, um ihn beerben zu können, pflegte man seinen Umgang. Zudem wirkte er als persönliches Erfolgmodell durch eine Konzentration von Reichtum, der in kinderreichen Familien trotz Ansätze der Familienpolitik selten vorhanden war.
Mark Aurel versuchte während der Markomannenkriege die gewaltigen Lücken im Heer mit germanischen Söldnern zu füllen, ohne dabei eine konfliktkritische Grenze zu erreichen. Diese Entwicklung setzte sich bei seinen Nachfolgern verschärfend fort. Es drangen nichtrömische Ethnien zuerst bis in das Offizierskorps vor und besetzten später sogar Generalsposten in größeren Umfange. Der demographische Abschwung betraf insbesondere das gefährdete Kerngebiet des Reiches, während hingegen die afrikanischen Provinzen noch weithin ein Bevölkerungswachstum aufwiesen. Im 3. Jahrhundert nimmt die Stadtbevölkerung drastisch ab, im 4. Jahrhundert sind ganze Gebiete des Reiches fast menschenleer.
Ebenso wurde unter Mark Aurel versucht, mit germanischen Einwanderern die durch Pest, Hungersnöte und Geburtenrückgänge entvölkerten Gebiete des römischen Reiches, vor allem im italischen Stammland, aufzufüllen und so den Druck von der Nordgrenze zu nehmen. Dieser Druck wurde von dem Verlangen der Germanen nach Siedlungsraum bestimmt, den ihr eigenes Kernland nicht mehr bieten konnte. Der Geschichtsschreiber Dio Cassius überlieferte hierzu ein interessantes Detail aus der Nachschau der Markomannenkriege, daß man unter den Leichen der gefallenen Krieger auch bewaffnete Frauen fand! Hier ging es nicht allein um Beute; die Germanen wollten Land zum Siedeln.
Die Ansiedlung von Germanen auf Reichsgebiet führte jedoch zu massiven Problemen, als die in der Poebene angesiedelten Germanen die Provinzhauptstadt Ravenna besetzten. Die Staatspolitik wurde sich infolge dessen der Gefahren bewußt und rückte von der Ansiedlungspolitik im Kernland wieder ab und wies die aufständischen Germanen aus dem Reich aus.
Die ursprünglich zur Sicherung der Außengrenzen angesiedelten römischen Bürger und ehemaligen Legionäre verloren im Laufe der Generationen ihre Abwehrfähigkeit und Kampfgeist gegen die immer wieder staffelartig einbrechenden germanischen Stämme und Millionen flüchteten zurück auf die italienische Halbinsel. Insgesamt nahm in 3. nachchristlichen Jahrhundert der Druck an allen Fronten des Reiches zu; im Osten die Parther, in Nordafrika die Mauri, in Ägypten die Blemmyes, in Britannien die Scoti und Picti, während die germanische Nordgrenze nach wie vor die längste gefährdete Frontlinie blieb, an der sich die Bevölkerungsüberhänge der Germanen stauten und teilweise durchbrachen. Die Antwort darauf war der massive Ausbau des Heeres, von 300 000 unter Augustus auf 900 000 Mann zur Zeit Konstantin des Großen (260-337 n.Chr.). Der Kampfwert schmolz trotzdem real drastisch ab. Etwa zwei Drittel der Truppen bildeten die Hilfstruppen und die foederati. Diese bestanden zumeist aus angeworbenen fremden Ethnien oder aus römisch-germanischen Mischvölkern. Diese Verbände waren nicht sehr mobil und ungeeignet für militärische Sonderaufgaben. Bevölkerungsrückgang und steigende Militärausgaben führten zu einem Teufelskreis, der in eine sich verstärkende Wirtschaftsdepression mündete: Je weniger römische Steuerzahler zur Verfügung standen, umso mehr mußte auf teuere Söldner zurückgegriffen werden, da römische Legionäre keine Steuern zahlten. Damit einher ging durch die Abschaffung der Wehrpflicht eine Trennung der Militär- und Zivilgewalt, welche eine mentale in Rudimenten noch vorhandene tausendjährige Kriegertradition beendete. Langfristig bewirkte dies in der Mentalität der Zivilgesellschaft einen Wechsel von einer aktiven in eine reaktive Rolle.
Als Reaktion auf die wirtschaftliche Krise und um die davonlaufenden Militärausgaben zu finanzieren, flüchtete Kaiser Diokletian (243-316 n.Chr.) in eine extreme Form des Wirtschaftsdirigismus: Einführung der Kopf- und Grundsteuer, Festpreise, Berufsvererblichkeit, Manifestation der hierarchischen Strukturen.
Bis 375 n.Chr., dem Beginn der Völkerwanderung, konnte das Problem einigermaßen militärisch im Griff gehalten werden. Mit dem Übertritt der durch die Hunnen vertriebenen Goten auf römisches Reichsgebiet stellte sich jedoch eine vollkommen neue Situation ein. Mit einem Schlag hatten die Römer ein ganzes Fremdvolk auf ihrem eigenen Territorium. Der endgültige Wendepunkt bildete die Schlacht von Adrianopel im Jahre 378. Dieser Schlacht war das Hochschaukeln gegenseitiger Gegensätze zwischen Römern und Goten, auch als tribale Reflexe bekannt, vorausgegangen. Die infolge von Disziplinlosigkeit geschwächten Legionen sorgten in Teilen mit ihrem Vorpreschen für die verheerende Niederlage, in der Kaiser Valens den Tod fand. Von nun an war es der römischen Politik nicht mehr möglich, die Germanenfrage militärisch zu lösen und setzte statt dessen auf Integration der zugewanderten Völkerschaften in die römische Gesellschaft. Die römische Staatspolitik unterstellte der vermeintlich hochstehenden römischen Kultur die Absorptionsfähigkeit auf die auf Expansion ausgerichtete germanische Kriegerkultur. Nun wurden die Goten als foederati auf Reichsgebiet angesiedelt und leisteten im Gegenzug Kriegsdienste. Schon bald wurden die Nichtrömer zu einer Mehrheit im Heer und die abhängigen Kaiser waren kaum noch in der Lage, römische Interessen durchzusetzen.
In der weströmischen Reichshälfte, speziell in Gallien, wurde in der fortwährenden Entwicklung die Landnahme durch das römische Landrecht hospitalitas manifestiert: ein Drittel der Ländereien der römischen Großgrundbesitzer und die Hälfte der Wälder wurden den germanischen hospes abgetreten. Zu der ursprünglich semantischen Bedeutung hospes = Gast trat die Bedeutung hospes = Feind.
Verschärfend für den Konflikt zwischen Einheimischen und „Gästen“ war vor allem die konfessionelle Kluft zwischen dem Arianismus der Goten und dem katholischen Glauben der Römer. Trotz dieser Kluft versuchte die römische Geistlichkeit immer wieder den Universalismus des Christentums als gemeinsame Bindungsklammer hervorzuheben. Dem Kirchenlehrer Orosius schwebte die multikulturelle Vorstellung der Romania vor, wonach der christliche Glaube unter einem christlichen Kaiser die Leitkultur für Römern und Germanen sei. Für die Masse der Germanen hingegen war das Christentum nur ein dünner Lack über ihrem heidnischen Erbe, dem sie insgeheim weiterhin anhingen.
Die römische Bevölkerung akzeptierte ihrerseits die Zuwanderer, die sie nach wie vor als „Barbaren“ bezeichnete, nicht. Sie hielt entgegen der Appelle der Geistlichkeit an ihren haßerfüllten Widerständen fest. Trotz seiner Vorstellung der Romania teilte Orosius diese Gefühle: „Ich habe die Barbaren gesehen und ich mußte ihnen aus dem Wege gehen, weil sie mir Schaden wollten. Ich mußte ihnen schmeicheln, weil sie die Herren waren; ich mußte sie anbeten, obwohl sie Ungläubige waren und vor ihnen fliehen, weil sie Fallen stellten.“
Über die Ansicht der Germanen zu den Römern wissen wir nur wenig. Obwohl die Römer mit der Constitutio Antoniniana (212 n.Chr., Ausdehnung des römischen Bürgerrechts auf alle freien Einwohner des Reiches) über ein sehr liberales Staatsbürgerschaftsrecht verfügten, war es hinsichtlich der damit erhofften Integration und Angleichung der Kulturvorstellungen der Germanen an die römische Kultur zur Enttäuschung vieler römischer Staatsdenker wirkungslos. Ein wesentliches Stimmungsbild zeigt sich zum Beispiel noch Generationen nach dem endgültigen Falles Westroms zu Beginn des 6. Jahrhunderts, als es einen Aufruhr gotischer adeliger Krieger aufgrund einer Benachteiligung eines gotischen Junges gab, der eine römische Ausbildung erlangen sollte, die nach Ansicht der gotischen Krieger zur Verweichlichung führen würde. Lesen und Schreiben verderbe die kriegerischen Tugenden und führe zur „Duckmäuserei“. Die Waffenausbildung sei die einzig wesentliche Persönlichkeitsbildung. Der germanisch-römische König Theoderich (456-526 n.Chr.) ließ seine Kinder bewußt keine römische Ausbildung zu kommen. Auf dieses Verhalten beriefen sich noch Jahrzehnte später neurömische Bürger, um ihre Kinder nicht zu assimilieren.
Die römische Mehrheitsgesellschaft ließ es sich nicht nehmen, trotz aller offiziellen Lippenbekundungen extremistische Gewalttaten durchzuführen. Im Jahre 390 wurde in Saloniki der germanische Militärbefehlshaber Butheric gelyncht. 399 und 400 gab es Pogrome in Konstantinopel gegen die Goten. 408 wurde der Germane und militärische Oberbefehlshaber Stilicho vertrieben, weil er Germane war. Die germanischen Führer am kaiserlichen Hof wurden ermordet und überall in Italien die Familien germanischer konföderierter Soldaten massakriert. Römische Vordenker wie der katholische Bischof von Nordafrika, Victor von Vita, schürten eine offene germanenfeindliche Stimmung: „...ihr wenigen, die ihr die Barbaren liebt und immer ihr Loblied singt, während ihr euch selbst verdammt, denkt doch an ihren Namen und ihren Ruf...Ihre Absicht ist klar. Sie versuchen immer wieder, den Ruhm und die Ehre des römischen Namens zu beschmutzen. Sie wollen die Römer nicht überleben lassen. Wenn sie ihre Untertanen in diesem oder jenem Fall verschonen, dann tun sie es nur, um sie als Sklaven auszubeuten.“
Die weiterhin demographisch explodierenden Germanenstämme rückten auf den bekannten Wegen zu ihren Verwandten in der Mittelmeerregion nach: Was Ammianus über die Alemannen sagte, traf auf alle Stämme zu: „Trotz ihrer zahlreichen Niederlagen wächst ihnen immer wieder unglaublich schnell eine neue Jugend heran, als wären sie seit Jahrhunderten unberührt von Not und Tod.“
Die beinahe absurde militärische Personalpolitik, Germanen gegen Germanen einzusetzen, beschleunigte den militärischen Untergang dramatisch. Germanische Söldner in römischen Diensten winkten als Legionäre im Jahre 409 germanische Stämme an den Pyrenäenpässen nach Spanien durch. Noch nach 13 Jahren – angesiedelt als Wehrbauern – folgten Germanen wandalischen Stämmen und schlossen sich diesen an. Konföderierte germanische Truppenteile gerieten ganz aus der Kontrolle der Römer und wurden zu einer großen Gefahr. Die ost- und weströmischen Kaiser, die gerne auf Germanen als Heerführer zurückgriffen, da sie sich der Loyalität römischer Feldherren nie sicher waren, mußten erkennen, daß diese dafür nur allzu gerne ihr eigenes Spiel trieben und sich oftmals erfolgreicher als Kaisermacher denn als Heerführer bewährten. Das große Militärexperiment, die Germanen in das römische Heer zu integrieren, mußte scheitern.
Der Untergang Roms wurde durch die Zuwanderung also nicht gestoppt, sondern beschleunigt. Der Schlußpunkt der Entwicklung war im Jahre 476 die Absetzung des letzten weströmischen Kaisers, Romulus Augustulus, durch den skirtischen Heerführer Odoaker, der anstelle des weströmischen Kaisers formell als Statthalter im Auftrag des oströmischen Kaisers regierte. Nur 16 Jahre später ersetzte ihn Theoderich, der als eines von verschiedenen germanischen Territorialreichen das ostgotische Reich auf italischen Boden begründete.
Der Berliner Althistoriker Alexander Demandt erklärt: „Das römische Heer ist von den Germanen unterwandert worden, und irgendwann haben diese Germanen gesagt: Wozu brauchen wir eigentlich noch einen Kaiser? Wir machen das, was wir für richtig halten, holen uns die Nahrung da, wo wir sie brauchen, und okkupieren die Häuser, die uns gefallen. Der Kaiser hat seinen Dienst getan, der Kaiser kann gehen.“
Warum aber erwehrten sich die Römer nicht dieser Expansion? Eine zunehmende ungerechte Besteuerung, die die Bevölkerung in Arme und Reiche polarisierte, Eingriffe in die Privatsphäre und die Unfähigkeit der Staatsführung, ihre Untertanen vor der Korruption ihrer eigenen Repräsentanten zu schützen, führten zu einer passiven Ablehnung des Herrschaftssystems und einer Legitimationskrise, der die Staatsführung durch ihre eigene sakrale Überhöhung zu entkommen versuchte, ohne die eigentlichen Probleme in Angriff zu nehmen. Der Kern des Zerfalls lag darin begründet, daß der römische Staat aufgehört hatte, die Interessen seiner Bürger zu vertreten, um dafür seine eigenen Machtinteressen an erster Stelle zu setzen.
Ein bezeichnendes Indiz für die durch den repressiven Staat ausgelöste gedankliche Unfreiheit war die nur noch anonym mögliche Veröffentlichung eines Traktates um Ende des 4. nachchristlichen Jahrhunderts mit Ideen zur einer weitgehenden Heeresreform, die nie aufgegriffen wurden. Der anonyme Verfasser schlug eine radikale Abkehr von der starren, kosten- und personalintensiven Grenzverteidigung hin zu kleinen, mobilen, technisch hochgerüsteten und preiswerten Eingreiftruppen vor, als deren Vorbild ihm die mobile Taktik der nomadisierten Germanenstämme diente. Des weiteren forderte er eine Wiederbelebung der altrömischen, republikanischen Tugenden und schließlich die Einbeziehung des römischen Volkes in den Abwehrkampf, indem der wirtschaftliche und politische Druck auf die verarmte Bevölkerung des Reiches aufgehoben würde.
Die Römer wendeten sich als psychologische Kompensation dem antiken Vorläufer der Spaßgesellschaft zu. „Wir spielen trotz der Furcht vor der Gefangenschaft, und mitten in der Todesangst lachen wir. Man möchte glauben, das ganze römische Volk sei mit sardonischem Kraut gesättigt worden: Es stirbt und lacht“, kommentiert der Kleriker Salvian (ca. 400 – ca. 480 n.Chr.) die drastischen Verhältnisse in der römischen Gesellschaft.
Carl W. Weber beleuchtet diese Entwicklung anhand des römischen Theaterwesens, welches in seiner von Dekadenz gezeichneten Endphase zunehmend abartigen Stoff aufgriff und weit unter das Niveau der früheren Klassiker aus der Zeit der Republik fiel. Die bedrückten Massen nahmen diese Zerstreuung bereitwillig auf. Das Herrschaftskonzept des Panem et Circensis (Brot und Spiele), dargeboten in unbarmherzigen Gladiatorenkämpfen, grausamen Tierhetzen und rasanten Wagenrennen, entfaltete damals seine systemstabilisierende Wirkung in höchster Vollendung. Die römische Geisteselite protestierte vergeblich gegen diese Dekadenz und wandte sich enttäuscht den Germanen zu, in denen sie noch die Reste der altrömischen Tugenden von Familiensinn und gemeinschaftlichem Überlebenswillen zu erkennen glaubten. Was der britische Historiker James Packer bemerkt, traf vor allem auf diese Gesellschaftsschicht zu: „Tatsache ist, daß die Barbaren nie hätten eindringen können, wenn sie von den Menschen ... nicht mit offenen Armen empfangen worden wären.“
Angesichts der verzweifelten inneren Verhältnisse im Reich beginnen vor allem die kulturell gebildeten Söhne und Frauen des reichen Bürgertums Weltflucht in die geistig metapysische Konstruktion des unsterblichen und beseelten Individuums, indem sie in die Klöster gingen und sich so der aktiven Mitarbeit für den Staat entzogen. Dieser Mönchs-Bewegung, die Michael Grant mit den „Hippies“ der Neuzeit verglich, konnte die Staatsgewalt auch mit Geboten und Verboten nicht entgegenwirken. Frauen erhoben das christliche Ideal der Jungfräulichkeit zum Lebensziel und gingen als Nonnen ebenfalls in die Klöster. Nach dem Kleriker Hieronimus (347-420 n. Chr.) half die Kinderlosigkeit vor „Sodom und schmerzhaften Schwangerschaften und brüllenden Kindern und Haushaltssorgen und den Qualen der Eifersucht.“ Nach der identitätszerstörenden Einnahme Roms durch die Goten 410 verlischt auch der staatstragende Familiensinn der Römerinnen immer mehr. Die Geburtenrate stürzte noch drastischer ab. Als Gegenmaßnahme wird den römischen Familien verboten, ihren Töchtern schon bei Geburt das Gelübde der Ehelosigkeit aufzuzwingen. Erst ab einem Alter von 40 Jahren, nach dem Ende der reproduktiven Phase, durften sie ins Kloster gehen, doch mußten sie auch dann 50 Prozent ihres Vermögens dem Staat übertragen. Die zahlenmäßig anwachsenden christlichen Gemeinden verinnerlichten in dieser Krisenzeit den biblischen Endzeitgedanken in fatalistischer Weise. Die wirtschaftliche Schwächung, kombiniert mit einer apathischen Grundhaltung, ließ die vormals hochstehenden römischen Infrastruktureinrichtungen wie zum Beispiel die Aquädukt- und Kanalisationssyteme verfallen. Infolge der verschlechternden hygienischen Situation, der sich verschärfenden Finanzlage und des Abbaus der staatlich subventionierten Infrastruktureinrichtungen, wie zum Beispiel die Heilfürsorge, stieg die Kindersterblichkeit und die Sterbehäufigkeit der Frauen deutlich an. Das Fortpflanzungsverhalten ging durch die Zeitgeistkultur der Individualisierung und der christlichen Ideologisierung zurück. Die Wiegen der Römer blieben leer.
Am Ende war nichts mehr von dem da, was Rom einst groß und stark gemacht hatte.Die Wiegen blieben leer (http://www.konservativ.de/mkg/rom.htm)
Der demographische Rückgang der Römer und die unkontrollierte Zuwanderung germanischer Völker waren entscheidende Faktoren für den Untergang des Römischen Reiches
Dieser Beitrag erschien in gekürzter Fassung in der Ausgabe 7/8-2001 der Monatszeitschrift Nation&Europa (Nation & Europa - Heimseite (http://www.nationeuropa.de)) :
von Frank Westphal/Martin Lohmann
Die Frage der gelungenen Integration kulturferner Völker ist kein Problem der Neuzeit. Bereits für die Römer der Antike stellte sich dieses Problem als ein grundsätzliches der eigenen Existenzsicherung dar. Das Mißlingen war der Schlüssel zum Untergang des römischen Reiches in Westeuropa. Ohne die gegensätzliche demographische Entwicklung der antiken Völkerschaften Europas ist der Untergang des römischen Reiches nicht zu erklären.
Während zur Zeit des Kaisers Augustus (63 v.Chr.-14 n.Chr.) die römische Armee hauptsächlich aus einer römischen Kerntruppe und „befreundeten“ Hilfstruppen bestand, wandelte sich dieses Bild unter Mark Aurel (121-180 n.Chr.) drastisch. Infolge des vorangegangenen demographischen Abschwungs und einer verheerenden Pestepidemie im 2. nachchristlichen Jahrhundert sanken die Kopfzahlen der italisch-römischen Kernbevölkerung dramatisch ab. Dieser Geburtenrückgang war bereits unter Augustus feststellbar; er konnte auch nicht durch die augusteische Familienförderung langfristig effizient gestoppt werden, die kinderlose Männer und Frauen steuerlich benachteiligte und Familien mit mindestens drei Kindern von der Steuer befreite. Frauen der römischen Oberschicht bekamen mit zunehmender Selbständigkeit weniger Kinder. Kinderlose Witwen und geschiedene Frauen mußten nach kurzer Frist wieder heiraten. Männer im Staatsdienst mit drei Kindern oder mehr wurden schneller befördert. Kinderlosen werden hohe Ämter verwehrt. Diese Gesetze hatten jedoch eine beschränkte Wirksamkeit auf die Fruchtbarkeit und wurden häufig mit Scheinehen unterlaufen. Die liberaler werdenden Ehe- und Scheidungsgesetze waren Ausdruck von Freizügigkeit und Toleranz. Gesellschaftlich angesehener war der Kinderlose, nicht zuletzt, um ihn beerben zu können, pflegte man seinen Umgang. Zudem wirkte er als persönliches Erfolgmodell durch eine Konzentration von Reichtum, der in kinderreichen Familien trotz Ansätze der Familienpolitik selten vorhanden war.
Mark Aurel versuchte während der Markomannenkriege die gewaltigen Lücken im Heer mit germanischen Söldnern zu füllen, ohne dabei eine konfliktkritische Grenze zu erreichen. Diese Entwicklung setzte sich bei seinen Nachfolgern verschärfend fort. Es drangen nichtrömische Ethnien zuerst bis in das Offizierskorps vor und besetzten später sogar Generalsposten in größeren Umfange. Der demographische Abschwung betraf insbesondere das gefährdete Kerngebiet des Reiches, während hingegen die afrikanischen Provinzen noch weithin ein Bevölkerungswachstum aufwiesen. Im 3. Jahrhundert nimmt die Stadtbevölkerung drastisch ab, im 4. Jahrhundert sind ganze Gebiete des Reiches fast menschenleer.
Ebenso wurde unter Mark Aurel versucht, mit germanischen Einwanderern die durch Pest, Hungersnöte und Geburtenrückgänge entvölkerten Gebiete des römischen Reiches, vor allem im italischen Stammland, aufzufüllen und so den Druck von der Nordgrenze zu nehmen. Dieser Druck wurde von dem Verlangen der Germanen nach Siedlungsraum bestimmt, den ihr eigenes Kernland nicht mehr bieten konnte. Der Geschichtsschreiber Dio Cassius überlieferte hierzu ein interessantes Detail aus der Nachschau der Markomannenkriege, daß man unter den Leichen der gefallenen Krieger auch bewaffnete Frauen fand! Hier ging es nicht allein um Beute; die Germanen wollten Land zum Siedeln.
Die Ansiedlung von Germanen auf Reichsgebiet führte jedoch zu massiven Problemen, als die in der Poebene angesiedelten Germanen die Provinzhauptstadt Ravenna besetzten. Die Staatspolitik wurde sich infolge dessen der Gefahren bewußt und rückte von der Ansiedlungspolitik im Kernland wieder ab und wies die aufständischen Germanen aus dem Reich aus.
Die ursprünglich zur Sicherung der Außengrenzen angesiedelten römischen Bürger und ehemaligen Legionäre verloren im Laufe der Generationen ihre Abwehrfähigkeit und Kampfgeist gegen die immer wieder staffelartig einbrechenden germanischen Stämme und Millionen flüchteten zurück auf die italienische Halbinsel. Insgesamt nahm in 3. nachchristlichen Jahrhundert der Druck an allen Fronten des Reiches zu; im Osten die Parther, in Nordafrika die Mauri, in Ägypten die Blemmyes, in Britannien die Scoti und Picti, während die germanische Nordgrenze nach wie vor die längste gefährdete Frontlinie blieb, an der sich die Bevölkerungsüberhänge der Germanen stauten und teilweise durchbrachen. Die Antwort darauf war der massive Ausbau des Heeres, von 300 000 unter Augustus auf 900 000 Mann zur Zeit Konstantin des Großen (260-337 n.Chr.). Der Kampfwert schmolz trotzdem real drastisch ab. Etwa zwei Drittel der Truppen bildeten die Hilfstruppen und die foederati. Diese bestanden zumeist aus angeworbenen fremden Ethnien oder aus römisch-germanischen Mischvölkern. Diese Verbände waren nicht sehr mobil und ungeeignet für militärische Sonderaufgaben. Bevölkerungsrückgang und steigende Militärausgaben führten zu einem Teufelskreis, der in eine sich verstärkende Wirtschaftsdepression mündete: Je weniger römische Steuerzahler zur Verfügung standen, umso mehr mußte auf teuere Söldner zurückgegriffen werden, da römische Legionäre keine Steuern zahlten. Damit einher ging durch die Abschaffung der Wehrpflicht eine Trennung der Militär- und Zivilgewalt, welche eine mentale in Rudimenten noch vorhandene tausendjährige Kriegertradition beendete. Langfristig bewirkte dies in der Mentalität der Zivilgesellschaft einen Wechsel von einer aktiven in eine reaktive Rolle.
Als Reaktion auf die wirtschaftliche Krise und um die davonlaufenden Militärausgaben zu finanzieren, flüchtete Kaiser Diokletian (243-316 n.Chr.) in eine extreme Form des Wirtschaftsdirigismus: Einführung der Kopf- und Grundsteuer, Festpreise, Berufsvererblichkeit, Manifestation der hierarchischen Strukturen.
Bis 375 n.Chr., dem Beginn der Völkerwanderung, konnte das Problem einigermaßen militärisch im Griff gehalten werden. Mit dem Übertritt der durch die Hunnen vertriebenen Goten auf römisches Reichsgebiet stellte sich jedoch eine vollkommen neue Situation ein. Mit einem Schlag hatten die Römer ein ganzes Fremdvolk auf ihrem eigenen Territorium. Der endgültige Wendepunkt bildete die Schlacht von Adrianopel im Jahre 378. Dieser Schlacht war das Hochschaukeln gegenseitiger Gegensätze zwischen Römern und Goten, auch als tribale Reflexe bekannt, vorausgegangen. Die infolge von Disziplinlosigkeit geschwächten Legionen sorgten in Teilen mit ihrem Vorpreschen für die verheerende Niederlage, in der Kaiser Valens den Tod fand. Von nun an war es der römischen Politik nicht mehr möglich, die Germanenfrage militärisch zu lösen und setzte statt dessen auf Integration der zugewanderten Völkerschaften in die römische Gesellschaft. Die römische Staatspolitik unterstellte der vermeintlich hochstehenden römischen Kultur die Absorptionsfähigkeit auf die auf Expansion ausgerichtete germanische Kriegerkultur. Nun wurden die Goten als foederati auf Reichsgebiet angesiedelt und leisteten im Gegenzug Kriegsdienste. Schon bald wurden die Nichtrömer zu einer Mehrheit im Heer und die abhängigen Kaiser waren kaum noch in der Lage, römische Interessen durchzusetzen.
In der weströmischen Reichshälfte, speziell in Gallien, wurde in der fortwährenden Entwicklung die Landnahme durch das römische Landrecht hospitalitas manifestiert: ein Drittel der Ländereien der römischen Großgrundbesitzer und die Hälfte der Wälder wurden den germanischen hospes abgetreten. Zu der ursprünglich semantischen Bedeutung hospes = Gast trat die Bedeutung hospes = Feind.
Verschärfend für den Konflikt zwischen Einheimischen und „Gästen“ war vor allem die konfessionelle Kluft zwischen dem Arianismus der Goten und dem katholischen Glauben der Römer. Trotz dieser Kluft versuchte die römische Geistlichkeit immer wieder den Universalismus des Christentums als gemeinsame Bindungsklammer hervorzuheben. Dem Kirchenlehrer Orosius schwebte die multikulturelle Vorstellung der Romania vor, wonach der christliche Glaube unter einem christlichen Kaiser die Leitkultur für Römern und Germanen sei. Für die Masse der Germanen hingegen war das Christentum nur ein dünner Lack über ihrem heidnischen Erbe, dem sie insgeheim weiterhin anhingen.
Die römische Bevölkerung akzeptierte ihrerseits die Zuwanderer, die sie nach wie vor als „Barbaren“ bezeichnete, nicht. Sie hielt entgegen der Appelle der Geistlichkeit an ihren haßerfüllten Widerständen fest. Trotz seiner Vorstellung der Romania teilte Orosius diese Gefühle: „Ich habe die Barbaren gesehen und ich mußte ihnen aus dem Wege gehen, weil sie mir Schaden wollten. Ich mußte ihnen schmeicheln, weil sie die Herren waren; ich mußte sie anbeten, obwohl sie Ungläubige waren und vor ihnen fliehen, weil sie Fallen stellten.“
Über die Ansicht der Germanen zu den Römern wissen wir nur wenig. Obwohl die Römer mit der Constitutio Antoniniana (212 n.Chr., Ausdehnung des römischen Bürgerrechts auf alle freien Einwohner des Reiches) über ein sehr liberales Staatsbürgerschaftsrecht verfügten, war es hinsichtlich der damit erhofften Integration und Angleichung der Kulturvorstellungen der Germanen an die römische Kultur zur Enttäuschung vieler römischer Staatsdenker wirkungslos. Ein wesentliches Stimmungsbild zeigt sich zum Beispiel noch Generationen nach dem endgültigen Falles Westroms zu Beginn des 6. Jahrhunderts, als es einen Aufruhr gotischer adeliger Krieger aufgrund einer Benachteiligung eines gotischen Junges gab, der eine römische Ausbildung erlangen sollte, die nach Ansicht der gotischen Krieger zur Verweichlichung führen würde. Lesen und Schreiben verderbe die kriegerischen Tugenden und führe zur „Duckmäuserei“. Die Waffenausbildung sei die einzig wesentliche Persönlichkeitsbildung. Der germanisch-römische König Theoderich (456-526 n.Chr.) ließ seine Kinder bewußt keine römische Ausbildung zu kommen. Auf dieses Verhalten beriefen sich noch Jahrzehnte später neurömische Bürger, um ihre Kinder nicht zu assimilieren.
Die römische Mehrheitsgesellschaft ließ es sich nicht nehmen, trotz aller offiziellen Lippenbekundungen extremistische Gewalttaten durchzuführen. Im Jahre 390 wurde in Saloniki der germanische Militärbefehlshaber Butheric gelyncht. 399 und 400 gab es Pogrome in Konstantinopel gegen die Goten. 408 wurde der Germane und militärische Oberbefehlshaber Stilicho vertrieben, weil er Germane war. Die germanischen Führer am kaiserlichen Hof wurden ermordet und überall in Italien die Familien germanischer konföderierter Soldaten massakriert. Römische Vordenker wie der katholische Bischof von Nordafrika, Victor von Vita, schürten eine offene germanenfeindliche Stimmung: „...ihr wenigen, die ihr die Barbaren liebt und immer ihr Loblied singt, während ihr euch selbst verdammt, denkt doch an ihren Namen und ihren Ruf...Ihre Absicht ist klar. Sie versuchen immer wieder, den Ruhm und die Ehre des römischen Namens zu beschmutzen. Sie wollen die Römer nicht überleben lassen. Wenn sie ihre Untertanen in diesem oder jenem Fall verschonen, dann tun sie es nur, um sie als Sklaven auszubeuten.“
Die weiterhin demographisch explodierenden Germanenstämme rückten auf den bekannten Wegen zu ihren Verwandten in der Mittelmeerregion nach: Was Ammianus über die Alemannen sagte, traf auf alle Stämme zu: „Trotz ihrer zahlreichen Niederlagen wächst ihnen immer wieder unglaublich schnell eine neue Jugend heran, als wären sie seit Jahrhunderten unberührt von Not und Tod.“
Die beinahe absurde militärische Personalpolitik, Germanen gegen Germanen einzusetzen, beschleunigte den militärischen Untergang dramatisch. Germanische Söldner in römischen Diensten winkten als Legionäre im Jahre 409 germanische Stämme an den Pyrenäenpässen nach Spanien durch. Noch nach 13 Jahren – angesiedelt als Wehrbauern – folgten Germanen wandalischen Stämmen und schlossen sich diesen an. Konföderierte germanische Truppenteile gerieten ganz aus der Kontrolle der Römer und wurden zu einer großen Gefahr. Die ost- und weströmischen Kaiser, die gerne auf Germanen als Heerführer zurückgriffen, da sie sich der Loyalität römischer Feldherren nie sicher waren, mußten erkennen, daß diese dafür nur allzu gerne ihr eigenes Spiel trieben und sich oftmals erfolgreicher als Kaisermacher denn als Heerführer bewährten. Das große Militärexperiment, die Germanen in das römische Heer zu integrieren, mußte scheitern.
Der Untergang Roms wurde durch die Zuwanderung also nicht gestoppt, sondern beschleunigt. Der Schlußpunkt der Entwicklung war im Jahre 476 die Absetzung des letzten weströmischen Kaisers, Romulus Augustulus, durch den skirtischen Heerführer Odoaker, der anstelle des weströmischen Kaisers formell als Statthalter im Auftrag des oströmischen Kaisers regierte. Nur 16 Jahre später ersetzte ihn Theoderich, der als eines von verschiedenen germanischen Territorialreichen das ostgotische Reich auf italischen Boden begründete.
Der Berliner Althistoriker Alexander Demandt erklärt: „Das römische Heer ist von den Germanen unterwandert worden, und irgendwann haben diese Germanen gesagt: Wozu brauchen wir eigentlich noch einen Kaiser? Wir machen das, was wir für richtig halten, holen uns die Nahrung da, wo wir sie brauchen, und okkupieren die Häuser, die uns gefallen. Der Kaiser hat seinen Dienst getan, der Kaiser kann gehen.“
Warum aber erwehrten sich die Römer nicht dieser Expansion? Eine zunehmende ungerechte Besteuerung, die die Bevölkerung in Arme und Reiche polarisierte, Eingriffe in die Privatsphäre und die Unfähigkeit der Staatsführung, ihre Untertanen vor der Korruption ihrer eigenen Repräsentanten zu schützen, führten zu einer passiven Ablehnung des Herrschaftssystems und einer Legitimationskrise, der die Staatsführung durch ihre eigene sakrale Überhöhung zu entkommen versuchte, ohne die eigentlichen Probleme in Angriff zu nehmen. Der Kern des Zerfalls lag darin begründet, daß der römische Staat aufgehört hatte, die Interessen seiner Bürger zu vertreten, um dafür seine eigenen Machtinteressen an erster Stelle zu setzen.
Ein bezeichnendes Indiz für die durch den repressiven Staat ausgelöste gedankliche Unfreiheit war die nur noch anonym mögliche Veröffentlichung eines Traktates um Ende des 4. nachchristlichen Jahrhunderts mit Ideen zur einer weitgehenden Heeresreform, die nie aufgegriffen wurden. Der anonyme Verfasser schlug eine radikale Abkehr von der starren, kosten- und personalintensiven Grenzverteidigung hin zu kleinen, mobilen, technisch hochgerüsteten und preiswerten Eingreiftruppen vor, als deren Vorbild ihm die mobile Taktik der nomadisierten Germanenstämme diente. Des weiteren forderte er eine Wiederbelebung der altrömischen, republikanischen Tugenden und schließlich die Einbeziehung des römischen Volkes in den Abwehrkampf, indem der wirtschaftliche und politische Druck auf die verarmte Bevölkerung des Reiches aufgehoben würde.
Die Römer wendeten sich als psychologische Kompensation dem antiken Vorläufer der Spaßgesellschaft zu. „Wir spielen trotz der Furcht vor der Gefangenschaft, und mitten in der Todesangst lachen wir. Man möchte glauben, das ganze römische Volk sei mit sardonischem Kraut gesättigt worden: Es stirbt und lacht“, kommentiert der Kleriker Salvian (ca. 400 – ca. 480 n.Chr.) die drastischen Verhältnisse in der römischen Gesellschaft.
Carl W. Weber beleuchtet diese Entwicklung anhand des römischen Theaterwesens, welches in seiner von Dekadenz gezeichneten Endphase zunehmend abartigen Stoff aufgriff und weit unter das Niveau der früheren Klassiker aus der Zeit der Republik fiel. Die bedrückten Massen nahmen diese Zerstreuung bereitwillig auf. Das Herrschaftskonzept des Panem et Circensis (Brot und Spiele), dargeboten in unbarmherzigen Gladiatorenkämpfen, grausamen Tierhetzen und rasanten Wagenrennen, entfaltete damals seine systemstabilisierende Wirkung in höchster Vollendung. Die römische Geisteselite protestierte vergeblich gegen diese Dekadenz und wandte sich enttäuscht den Germanen zu, in denen sie noch die Reste der altrömischen Tugenden von Familiensinn und gemeinschaftlichem Überlebenswillen zu erkennen glaubten. Was der britische Historiker James Packer bemerkt, traf vor allem auf diese Gesellschaftsschicht zu: „Tatsache ist, daß die Barbaren nie hätten eindringen können, wenn sie von den Menschen ... nicht mit offenen Armen empfangen worden wären.“
Angesichts der verzweifelten inneren Verhältnisse im Reich beginnen vor allem die kulturell gebildeten Söhne und Frauen des reichen Bürgertums Weltflucht in die geistig metapysische Konstruktion des unsterblichen und beseelten Individuums, indem sie in die Klöster gingen und sich so der aktiven Mitarbeit für den Staat entzogen. Dieser Mönchs-Bewegung, die Michael Grant mit den „Hippies“ der Neuzeit verglich, konnte die Staatsgewalt auch mit Geboten und Verboten nicht entgegenwirken. Frauen erhoben das christliche Ideal der Jungfräulichkeit zum Lebensziel und gingen als Nonnen ebenfalls in die Klöster. Nach dem Kleriker Hieronimus (347-420 n. Chr.) half die Kinderlosigkeit vor „Sodom und schmerzhaften Schwangerschaften und brüllenden Kindern und Haushaltssorgen und den Qualen der Eifersucht.“ Nach der identitätszerstörenden Einnahme Roms durch die Goten 410 verlischt auch der staatstragende Familiensinn der Römerinnen immer mehr. Die Geburtenrate stürzte noch drastischer ab. Als Gegenmaßnahme wird den römischen Familien verboten, ihren Töchtern schon bei Geburt das Gelübde der Ehelosigkeit aufzuzwingen. Erst ab einem Alter von 40 Jahren, nach dem Ende der reproduktiven Phase, durften sie ins Kloster gehen, doch mußten sie auch dann 50 Prozent ihres Vermögens dem Staat übertragen. Die zahlenmäßig anwachsenden christlichen Gemeinden verinnerlichten in dieser Krisenzeit den biblischen Endzeitgedanken in fatalistischer Weise. Die wirtschaftliche Schwächung, kombiniert mit einer apathischen Grundhaltung, ließ die vormals hochstehenden römischen Infrastruktureinrichtungen wie zum Beispiel die Aquädukt- und Kanalisationssyteme verfallen. Infolge der verschlechternden hygienischen Situation, der sich verschärfenden Finanzlage und des Abbaus der staatlich subventionierten Infrastruktureinrichtungen, wie zum Beispiel die Heilfürsorge, stieg die Kindersterblichkeit und die Sterbehäufigkeit der Frauen deutlich an. Das Fortpflanzungsverhalten ging durch die Zeitgeistkultur der Individualisierung und der christlichen Ideologisierung zurück. Die Wiegen der Römer blieben leer.
Am Ende war nichts mehr von dem da, was Rom einst groß und stark gemacht hatte.Die Wiegen blieben leer (http://www.konservativ.de/mkg/rom.htm)